Poesie der Stille

Zoran Mušic

Das Leopold Museum fährt diesen Sommer schwere Geschütze auf: je eine Klimt- und Schiele-Jubiläumsausstellung, und eine über den Photosalon der Dora Kallmus aka Madame d´Ora. Die Touristen wissen das auch. Das nicht überlaufene Highlight und der wahre Grund für einen Museumsbesuch ist aber die dem Maler Zoran Mušic (1909-2005) gewidmete Ausstellung „Poesie der Stille“.

Wie beinahe üblich und bewährt wird ein Bogen von Früh- zu Spätwerk gespannt. In Mušics Fall allerdings mit einem Bruch: Als Antifaschist wurde er 1944 bis zur Befreiung ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Aus dieser Zeit sind auch einige Zeichnungen ausgestellt – Leichen mit dünnem Bleistiftstrich auf kleinen Zettelchen. Man kann eigentlich nichts darüber sagen, dafür gibt es keine Worte. Aber man fragt sich, ob es möglich ist, nachdem man solches erlebt und gesehen hat, überhaupt wieder zu malen, das heißt, überhaupt wieder irgendwie weiter zu machen? Zoran Mušic hat sich wieder zurück gemalt, gekämpft, zuerst ein bisschen verhalten, und dann fast in einer Farb- und Ornamentexplosion.

Während die frühen abstrakten Bilder ein bisschen an Paul Klee erinnern, kann man bei den späteren, in die dann wieder graphischere Elemente einfließen, ein wenig an Klimt-Landschaften denken, wenn auch moderner. Gleich bleiben die Innerlichkeit und die dumpf leuchtenden Farben, oft auf Erdtönen, trocken gemalt, auf unbehandelter Leinwand, glühend. (Hierzu muss ich anmerken, dass die Photos diesen Farben auf keinen Fall gerecht werden!)

Im schonungslosen Bilderzyklus „Wie sind nicht die Letzten“ arbeitete Zoran Mušic 1970 noch einmal die Erlebnisse und Traumata von Dachau auf, gefolgt von zerbrechlichen Selbstbildnissen eines alternden Körpers bei schwindendem Augenlicht.

Ich kann nur sagen, dass mich diese Ausstellung sehr geschüttelt und getroffen hat.

 

Julia Maurer

 

Informationen zum Veranstaltungsort:

Leopold Museum
Museumsplatz 1
1070 Wien

https://www.leopoldmuseum.org/de/ausstellungen/98/zoran-music

 

Bildlegende:

Header: Ausschnitt aus ZORAN MUŠIC, Schwarzer Gipfel (Weißer Berg), 1950 © Angel Surroca, Barcelona, Foto | Photo: Photo Gasull, Barcelona © Bildrecht, Wien, 2018

1: ZORAN MUŠIC, Ida, 1990 © Courtesy Galleria Torbandena, Triest | Trieste Foto | Photo: FotoRolli, Triest © Bildrecht, Wien, 2018

2: ZORAN MUŠIC, Pflanzenmotiv, 1972 © Ditesheim & Maffei Fine Art, Neuchâtel, Schweiz Foto | Photo: Ditesheim & Maffei Fine Art, Neuchâtel © Bildrecht, Wien, 2018

3: ZORAN MUŠIC, Dachau, 1945 © Lah Contemporary, Slovenia Foto | Photo: Lah Contemporary, Slovenia/Nada Žgank © Bildrecht, Wien, 2018

4: ZORAN MUŠIC, Stehender Akt, 1991 © Collection Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano Foto | Photo: Roberto Pellegrini © Bildrecht, Wien, 2018

5: ZORAN MUŠIC, Selbstbildnis, 1990 © Albertina, Wien, Sammlung Essl | The Albertina Museum, Vienna, The Essl Collection Foto | Photo: Albertina, Wien. Sammlung Essl/Courtesy Galerie Jan Krugier, Genf © Bildrecht, Wien, 2018