La Biennale di Venezia

May You Live In Interesting Times

 

Sicherlich haben es schon alle bemerkt: es ist wieder Biennale in Venedig! Wie ein vielstimmiges, vielsprachiges Gemurmel erstreckt sie sich mittlerweile über die ganze Stadt. Die „Interesting Times“ aus dem Titel – als Fluch, oder als Einladung – schlagen sich auch in der Vielfältigkeit der Ausstellungen nieder. Die Welt ist kein einfacher Ort, und zumindest bei der Biennale sind die Zeiten des offensichtlichen Eurozentrismus einigermaßen vorbei, oder man bemüht sich zumindest. Die Tendenzen gehen eindeutig in Richtung Spektakel und Inszenierung, wobei aber auch ein paar Entdeckungen im Bereich der Malerei möglich waren, wie beispielsweise die Bilder der aus Nigeria stammenden Malerin Njideka Akunyili Crosby oder des Kenianers Michael Armitage.

Die schiere Größe macht eine eingehendere Beschreibung sinnlos oder unmöglich. Zwei Präsentationen möchte ich trotzdem exemplarisch herauspicken:

Zum einen wäre das „Post hoc“, Dane Mitchells Ausstellung im neuseeländischen Pavillon. An verschiedenen Orten in Venedig sind schlecht getarnte Funkbäume aufgestellt, an denen Besucher mittels Handy-App eine von einer Computer-Stimme vorgetragene Liste verschwundener Dinge hören können, seien es Supernovae oder ausgestorbene Tiere. Der Sender dazu befindet sich in der Palazzina Canonica, dem ehemaligen Hauptquartier des italienischen Instituts für Meeresforschung, in einem schalldichten Container. Am gleichen Ort, in der für die Ausstellung leergeräumten Bibliothek, ist auch ein Drucker, der die Liste zeitgleich mit ausdruckt – ein niemals endendes Gedicht des Vergangenen und Verschwundenen.

Zum anderen wäre das Laure Provost mit „Deep see blue surrounding you / Vois ce bleu profond te fondre“ im französischen Pavillion. Es beginnt schon einmal damit, dass man ihn durch den Hintereingang oder Keller betritt. Dann kommt man in einen Raum, der ein bisschen wie eine Schranke oder Pforte wirkt, der eine Art Meer oder Strand simuliert, mit einer Krake aus Glas, oder auch allerhand Müll, der so in den Ozeanen herumtreibt. Schließlich erreicht man den Kern der Ausstellung, einen Film über die Reise von Nordfrankreich nach Venedig, surreal und traumähnlich, auch ein bisschen eskapistisch, über das, was uns in einer globalisierten Welt verbindet, und das, was uns trennt.

 

Julia Maurer

 

 

 

 

Informationen zum Veranstaltungsort:

 

www.labiennale.org

 

 

Bildlegende:

Giardini

1 – 3 Nordic Countries: Ane Graff, Ingela Ihrman, nabteeri, „Weather Report: Forecasting Future“

4 Schweiz: Pauline Boudry / Renate Lorenz, „Moving Backwards“

5, 6 Niederlande: Remy Jungerman, „The Measurement of Presence“

7 Sun Yuan and Peng Hu, „Can´t Help Myself“, 2016

8 Teresa Margolles, „Muro Ciudad Juárez“, 2010

9 Frida Orupabo, drei Mal „Untitled“, alle 2019

10 Suki Seokyeong Kang, Installationsansicht

11 vorne Skulpturen von Carol Bove, hinten Bilder von Njideka Akunyili Crosby

12 – 15 Österreich: Renate Bertlman, „Discordo Ergo Sum“

16, 17 Rumänien: Belu-Simion F?inaru, Dan Mih?l?ianu, Miklós Onucsán , „Unfinished Conversations on the Weight of Absence“

18 Japan: Motoyuki Shitamichi, Taro Yasuno, Toshiaki Ishikura, Fuminori Nousaku, „Cosmo-Eggs“

19 – 21 Frankreich: Laure Prouvost, „Deep see blue surrounding you / Vois ce bleu profond te fondre“

22, 23 Tschechien und Slovakei: Stanislav Kolibal, „Former Uncertain Indicated“

 

Länderpräsentationen außerhalb von Giardini oder Arsenale

24, 25 Island: Hrafnhildur Arnardóttir / Shoplifter, „Chromo Sapiens“

26, 27 Estland: Kris Lemsalu, „Birth V - Hi and Bye“

28 Blick in die mongolische Präsentation - Jantsankhorol Erdenebayar mit der Teilnahme traditioneller mongolischer Kehlkopfsänger und Carsten Nicolai (Alva Noto), „A Temporality“

29, 30 Neuseeland: Dane Mitchell, „Post hoc“

 

Arsenale

31, 32 Kemang Wa Lehulere, „Dead Eye“, 2018

33 Michael Armitage, „The Paradise Edict“, 2019 (Öl auf Lubugo-Rinde)

34, 35 Ulrike Müller, „Container“, 2018-2019

36 – 38 Slavs and Tatars, Installationsansicht

 

39 Saudi Arabien: Zahrah Al Ghamdi, „After Illusion“

40 – 42 El Anatsui für Ghana