Künstliche Herzen - die Brücke zum Überleben

mit Interventionen von Judith Fegerl, Peter Garmusch, Stephanie Pflaum, Samuel Schaab, Anna Witt

Die meisten Galerien haben Sommerpause, genug Zeit also, sich einmal ein bisschen in den Nischen der Museumslandschaft umzusehen, und warum dann nicht im Josephinum? Wir haben hier nicht künstlerische Werke, die wissenschaftliche Aspekte aufgreifen, sondern wissenschaftliche Objekte, die auch einen hohen ästhetischen Wert inne haben vor uns. So kann man die Zeichnungen und historischen Wachsmodelle von Organen und Körperteilen durchaus auch von einem künstlerischen Blickpunkt aus betrachten. Abgesehen davon gibt es aber zur aktuellen Ausstellung, die sich eben mit künstlichen Herzen beschäftigt, fünf künstlerische Interventionen, die teils sehr weitläufig auf die Idee von unserem Zentralorgan und seinen Funktionen Bezug nehmen.

Von Judith Fegerl ist beispielsweise „Temporal Deflector“ von 2008 zu sehen. Es besteht aus einem Kompass, um den kreisförmig 60 Induktionsspulen angeordnet sind, durch deren sich verändernde Magnetfelder die Kompassnadel wie ein Sekundenzeiger weiterspringt und somit in einer Minute eine vollständige Umdrehung durchgeführt hat - ein räumliches Bestimmungsgerät wird zu einem der Zeit. Den Pumpen in modernen Kunstherzen liegt (gemäß Informationstext) in sehr verfeinerter Form offenbar ein ähnliches Prinzip zu Grunde. Und bei einer Herzoperation wird schließlich ebenso in ein natürliches System eingegriffen, dieses verändert und sein Rhythmus geändert bzw. reguliert. Und auch ganz generell Überlegungen über Zeit und Raum anstellend, ist „Temporal Deflector“ ein wirklich beachtliches Werk.

Anna Witt greift in ihrer Videoarbeit „Chorweiler Beat“ (2016) wieder den temporalen Aspekt des Herzschlags auf. Von einer Person wird der Herzschlag akustisch aufgenommen, zu dessen Rhythmus dann ein junger Straßentänzer tanzt. Zwei sich völlig Fremde werden schlagartig auf eine sehr intime Art verbunden. Ich persönlich finde die Idee wahnsinnig schön und eigentlich sehr romantisch. Und auch beruhigend, wenn man den Film am Ende sieht, nach den vielen Gerätschaften, Modellen und Operationsgegenständen. Denn auch wenn man sich wirklich glücklich schätzen kann, in der heutigen Zeit zu leben, mulmig wird es einem schon ein bisschen.

 

Julia Maurer



Informationen zum Veranstaltungsort:

Josephinum
Sammlungen der medizinischen Universität Wien
Währinger Straße 25
1090 Wien

 

 

Bildlegende:

Header: Detail von Judith Fegerl, Temporal Deflector, 2008
1: kolorierte Zeichnungen eröffneter menschlicher Herzen aus der Sammlung des Josephinums, Florenz und Wien, 1785
2: Stephanie Pflaum, Amor fati- Die Freiheit von Allem, 2017
3: Peter Garmusch, Studio #1, 2014