Form folgt Paragraph


Das Architekturzentrum zeigt eine Ausstellung, dessen Thema auf den ersten Blick sehr trocken erscheint und von dem man als Außenstehender sehr leicht vergisst, wie zentral es für die zeitgenössische Architektur ist: bauliche Reglementierungen und Regelwerke. Dabei gelingt es Martina Frühwirth, Karoline Mayer, Katharina Ritter und ihrem Team, die Materie ansprechend und partizipativ zu gestalten.

Fallstudien und internationale Vergleiche machen Verordnungen erfahrbar, und spätestens beim Modell zur standardisierten Stufenhöhe in Amtsgebäuden wird einem die  psychologische Dimension mancher Normen klar, und man fühlt sich leicht an Kafka erinnert. Obwohl die meisten Gesetze natürlich Sicherheit und Kompatibilität garantieren sollen – die meisten der Wiener Baujuwelen würden heute nicht mehr genehmigt werden - tendieren manche eher in Richtung Schikane: Wer könnte zum Beispiel festlegen, wieviel frühmorgendlicher Bäckereiduft zumutbar ist? Wobei durch dieses Beispiel wiederum klar wird, dass es eine weitere Aufgabe der Bauordnung ist, die Abstände zwischen den Menschen – vor allem in Ballungsräumen – zu ordnen. Man sieht also, dass Architekten in einem einigermaßen engen Korsett agieren müssen, und ihre Arbeit sehr häufig eine Auslotung des größtmöglichen Interpretationsspielraums ist.

Eine Ausstellung, die den Umfang der Normenmenge unseres Alltags klar vor Augen führt, und grundlegende Fragen zur Architektur und ihrer Rolle für unsere Leben stellt.



Julia Maurer



 

Information zum Veranstaltungsort:

Architekturzentrum Wien
Museumsplatz 1
1070 Wien




Bildlegende:

Header: Wäre dieser fantastische Spielplatz heute noch möglich?, WIG 74, Kurpark Oberlaa, Bild: MA 42 - Wiener Stadtgärten
1-3: Ausstellungsansicht „Form folgt Paragraph“, Bild: Lisa Rastl
4: Sobald Änderungen am Bestand vorgenommen werden, gilt aktuelles Recht, Bild: Andreas Ledl